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Geleitwort
„texte+gedanken“ - stellt eine Publikationsreihe mit Vorträgen und Referaten
dar, die über den Tag hinaus Bedeutung besitzen können.
Vielleicht bedingt durch die aus mitteleuropäischer Perspektive geographische
Randlage Schleswig-Holsteins haben zahlreiche Vereinigungen im
Norden Deutschlands ein reges öffentliches Vortragswesen entwickelt, um
Ideen, Forschungsergebnisse, Meinungen und Anschauungen führender Publizisten,
Wissenschaftler und Meinungsbildner Raum und Gehör zu geben.
Um diesen „texten+gedanken“ einen bleibenden Niederschlag zu geben,
hat sich die Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein entschlossen, gemeinsam
mit wichtigen Organisationen des Geistes-, Kultur- und Soziallebens in
Schleswig-Holstein in der Reihe interessante Referate festzuhalten, um sie
einem größeren Kreis auf Dauer zugänglich zu machen.
„texte+gedanken“ bedürfen eines Platzes, aber keines großen Raumes. Auf
eher wenigen Seiten möchten wir zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen
Fragestellungen, Thesen und Theorien der Text- und Gedankengeber
anregen. Wir möchten damit einer Tradition folgen, für die etwa
der Friese Uwe Jens Lornsen mit seinem gerade einmal zwölf Seiten starken
„Büchlein“ unter dem Titel „Über das Verfassungswerk in Schleswig-
Holstein“ steht, das 1830 erschien.
Die Heftreihe „texte+gedanken“ haben wir gemeinsam mit der „Bürgerstiftung
schleswig-holsteinische Gedenkstätten“ und der „Landeszentrale für
politische Bildung“ mit Vorträgen von Jan Philipp Reemtsma und Lars Clausen
begonnen. Wir setzen sie in Heft 3 fort mit dem Hamburger Journalisten
Ulrich Greiner. („DIE ZEIT“), der im November 2005 im Jüdischen Museum in
Rendsburg den Vortrag „Historisierung oder Normalisierung?“ hielt.
Wir danken Ulrich Greiner für die Überlassung dieses Referates zum
Abdruck in unserer Reihe „texte+gedanken“ . Wir haben auch der „Stiftung
schleswig-holsteinische Landesmuseen“ und ihrem Leitenden Direktor,
Herrn Prof. Dr. Herwig Guratzsch (Schloss Gottorf, Schleswig), zu danken für
die Überlassung der Räumlichkeiten des Jüdischen Museum Rendsburg, die
zur Stiftung Landesmuseen gehören, ebenso wie der Leiterin des Jüdischen
Museum, Frau Dr. Frauke Dettmar.
Jörg-Dietrich Kamischke Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein
Versuch über das Gedenken
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedanke mich sehr für diese Einladung, und es ist mir eine Ehre, zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Ich will nicht behaupten, dass es mir eine Freude
oder gar ein Vergnügen sei, und zwar deshalb nicht, weil die Frage des angemessenen
Umgangs mit der deutschen Vergangenheit eine der schwierigsten
Fragen überhaupt ist. Schon mit dem einigermaßen undeutlichen
Begriff „deutsche Vergangenheit“ fängt das Problem ja an, wobei ich nicht
weiß, ob die quasi metaphorischen Begriffe wie „Auschwitz“ oder „Holocaust“
wesentlich besser wären.
Ich muss gestehen, dass ich in meinem Leben als Kritiker und als Journalist
dieser Thematik eher aus dem Weg gegangen bin, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, und ich habe diese Einladung angenommen, weil ich
das Gefühl hatte, dieser Frage nicht länger ausweichen zu sollen. Es handelt
sich bei dem, was ich Ihnen im Folgenden sagen will, um eine Art Klärungsversuch.
Erwarten Sie also bitte keine neuen oder gar umstürzenden Einsichten.
Ich beginne mit einem merkwürdigen Erlebnis, das ich in diesem Sommer
in Berlin hatte. Meine Frau und ich hatten die Geburtstagsfeier eines
Freundes besucht, und wir machten am folgenden Tag einen Spaziergang
durch das neue Regierungsviertel. Es war ein strahlender Tag, wir wanderten
am Kanzleramt vorbei bis zum Reichstag und zum Brandenburger
Tor und kamen zufällig zum neuen Holocaust-Denkmal. Ich weiß, dass das
Wort „zufällig“ in gewisser Weise gegen mich spricht, weil es wahrscheinlich
die Pflicht eines verantwortungsbewussten und kritischen Zeitgenossen
gewesen wäre, diesen Ort absichtsvoll aufzusuchen.
Wir kamen also absichtslos und ganz unvorbereitet zu diesem Mahnmal,
und ich war, nachdem wir eine Weile darin umher gegangen waren,
völlig verblüfft. Ich hatte den jahrelangen Zwist noch gut im Kopf, den endlosen,
zum Teil erhellenden, zum Teil zermürbenden Streit, der ja auch in
meiner Zeitung ausgetragen worden ist. Und was ich nun sah, strahlte im
Gegensatz dazu eine gewissermaßen anmutige Harmlosigkeit aus – ich
kann es nicht anders sagen. Der Wellengang der Wege zwischen den Stelen
hindurch ergab eine schöne rhythmische Bewegung, und die raffiniert
aus dem Lot fallenden Perspektiven und Sichtachsen versetzten den Besucher
in einen keineswegs unangenehmen Taumel. Das Denkmal wirkte an
keiner Stelle irgendwie düster oder bedrohlich, es war einfach nur interessant,
apart und irgendwie eindrucksvoll.
Nach einer Weile machten wir Rast an einem der höher gelegenen Punkte,
blickten über diese hin- und herwogende Landschaft aus Quadern und sahen
den Kindern zu, die in den Gängen spielten und von einem Stein zum
nächsten sprangen. Eine Frau sprach uns deswegen an und fragte, ob wir das
richtig fänden. Sie schien irritiert und ratlos, ebenso wie wir. Wir redeten eine
Zeit miteinander, kamen aber zu keinem Ergebnis. Denn einerseits war dies
doch ein Denkmal, ja sogar das Denkmal für die ermordeten Juden und also
kein Spielplatz. Andererseits hatte das Spiel der Kinder etwas Unschuldiges.
Dieser Ort war offensichtlich kein Friedhof, und die Kinder taten ja niemandem
etwas an. Und wenn man sich überlegte, wie denn am richtigsten dieser
ungeheuren Untat zu begegnen und zu gedenken wäre, dann konnte man zu
dem Ergebnis kommen, dass das Spielen der Kinder auch nicht unangemessener
war als die ganze Idee, ein solches Denkmal zu errichten.
Der Berliner „Tagesspiegel“ veröffentlichte am 9. Juni dieses Jahres
ein Gespräch mit Henryk Broder und Wolfgang Menge über das Holocaust-
Mahnmal. Broder kritisiert darin die Architekten Peter Eisenman und
Daniel Libeskind. Er nennt sie „Scharlatane“ und kommt auf das Jüdische
Museum zu sprechen. Er sagt: „Das Allerschlimmste dort ist der Turm der
Stille. Da gehen Leute hinein, machen die Tür hinter sich zu, kommen ganz
erschüttert wieder heraus und sagen, jetzt wissen wir, wie sich die Juden
im Viehwaggon gefühlt haben. Einen Dreck wissen sie.“
Im Verlauf des Gesprächs entgegnet Wolfgang Menge: „Es geht doch um
Normalität. Ist es nicht das, was man auch mit dem Mahnmal erreichen
will?“
Und Broder antwortet: „Sie möchten Normalität? Zwischen Juden und
Deutschen?“
Wolfgang Menge: „Wenn es einen Prozess gäbe, der zu normalen Beziehungen
zwischen Deutschen und Juden führen könnte, dann müsste man
ihn unterstützen. Ich will diese Verklemmtheit überwinden. Der Bau des
Mahnmals hängt doch auch damit zusammen, dass man auf deutscher
Seite der Meinung war, irgendetwas Großes machen zu müssen.“
Broder: „Ich bin gegen Normalität. Die Forderung nach Normalität ist
an sich schon anormal. Die deutsche Normalität den Juden gegenüber
war immer antisemitisch. Da halte ich mich lieber an der nicht-antisemitischen
Anormalität fest, als dass ich zur antisemitischen Normalität zurückkehren
möchte.“
Menge: „Vielleicht ist Normalität das falsche Wort. Aber wie sollte man
es sonst nennen?“
Der Reporter des „Tagesspiegels“ stellt nun die Frage: „Ist das Denkmal
nicht eigentlich ein Denkmal für den anständigen Deutschen, der getan
hat, was möglich war?“
Broder antwortet: „Ja, zuerst beim Holocaust und dann bei seiner Aufarbeitung.
Das ist der ,deutsche Sündenstolz‘, sagt Hermann Lübbe.“
Weitere Frage des Reporters: „Das Mahnmal als Tummelplatz. Wie gefällt
Ihnen das?“
Antwort Broder: „Ich finde das gut. Indem die Berliner sich der suggestiven
Architektur verweigern, beweisen sie einen Sinn fürs Normale. Wenn
im Tiergarten halbe Lämmer gegrillt werden, warum dann nicht Skateboardfahren
zwischen Stelen? Unser Noch-Kanzler hat vor sieben Jahren in einem Interview mit Stefan Aust gesagt, er möchte ein Mahnmal, zu dem
man gerne hingeht. Sein Wunsch ist erhört worden.“
Wir kennen Henryk Broder als einen zuweilen begnadeten, manchmal
aber bloß aggressiven Polemiker. Was den letzten Satz anbelangt, das Holocaust-
Mahnmal sei ein Ort, zu dem man gerne hingehe, so bin ich geneigt,
ihm zuzustimmen. Schwieriger aber finde ich seine Reaktion auf Wolfgang
Menges Wunsch nach Normalität. Denn Wolfgang Menge ist ja nicht naiv.
Abgesehen davon, dass er nunmehr 81 Jahre alt ist und die Welt als Reporter
zu einem Zeitpunkt bereist hat, als Broder noch ein kleiner Junge war:
Menge ist Sohn einer jüdischen Mutter und hat seine Verwandten in den
Lagern verloren. Wenn also Menge den Wunsch äußert, die Verklemmtheit
zu überwinden, so äußert sich da einer, der in dieser Sache eine gewisse
Autorität besitzt.
Sollen wir ihm folgen? Das Wort „Normalität“ klingt verführerisch.
Nichts möchten wir Deutsche zumeist lieber sein als normal – und vielleicht
sogar noch etwas Schöneres, so wie es Hans Eisler 1949 in seiner
Hymne der DDR formuliert hat: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft
zugewandt“. In der dritten Strophe heißt es: „Lasst uns pflügen, lasst uns
bauen, / lernt und schafft wie nie zuvor, / und der eignen Kraft vertrauend
/ steigt ein frei Geschlecht empor.“ Dieses Pathos ist uns fremd geworden,
und im Rückblick gesehen spricht aus diesem Text eine nahezu fahrlässige
Selbstgewissheit, eine Selbstüberbietung, diesmal in die andere Richtung,
die aufs Neue zum Scheitern verurteilt war.
Gerade deshalb wäre doch der Wunsch nach Normalität insofern plausibel
und vernünftig, als alle Versuche, das deutsche Geschick als es ein
besonderes Schicksal zu verstehen, ins Unheil geführt haben. Die deutsche
Besonderheit wurde als Verspätetheit, als Zurückgebliebenheit betrachtet,
aus der schließlich in einem Akt der Neugeburt das weltstürzend Außerordentliche
hervorgehen sollte. Und das ist ja dann auch passiert. Wenn
also Normalisierung gelingen könnte, dann müsste man alles tun, um sie
herbeizuführen.
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