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Das Thema ist borstig, macht hoffentlich neugierig, löst ambivalente Gefühle aus und pendelt zwischen Hoffnung und Zweifel – wie denn anders, lautet es doch:
„Die Welt von heute – gut für Juden, schlecht für Juden?“
Als ich es mir stellte, kam mir als erste Reaktion meine selige Großmutter Selmar, Urbild einer jüdischen Mamme in den Sinn, die, mit klarer Negativschlagseite, geseufzt haben würde: Nebbich, was gibt´s da zu fragen?“
Zweite Reaktion: Die beiden Untertitel, die mir sofort in den Sinn kamen, nicht gleich schon hier vorab zu nennen, sondern erst mittendrin, erst, nachdem ich Sie, verehrtes Auditorium, durch meinen Text auf sie vorbereitet habe. Sie mögen dann am Ende, nach Kenntnis des Ganzen, selbst befinden, ob die Verzögerung stimmig war oder nicht.
Dritte Reaktion: das Thema sowohl national wie auch international zu beleuchten.
Also: „Die Welt von heute – gut für Juden, schlecht für Juden?“
Dazu erst einmal einen Blick auf die „Welt von gestern“, die ja mitverantwortlich ist für die von heute – dabei die Grausamkeiten an den Anfang.
Wir stehen in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Territorium eines Landes, wo dem größten geschichtsbekannten Verbrechen mit Millionen und aber Millionen Opfern, die wohlbemerkt hinter den deutschen Fronten des zweiten Weltkrieges umgebracht worden sind wie Insekten, das größte Wiedereingliederungswerk für Täter gefolgt ist, das es je gegeben hat. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind sie nicht straffrei davongekommen, sondern konnten ihre Karrieren auch unbeschadet fortsetzen. Ein Beispiel nur: 32000 aktenkundige politische Todesurteile – Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab, wegen nichts, wegen Bagatellen – aber keiner dieser NS-Blutrichter und –ankläger ist je von der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz rechtskräftig verurteilt worden, kein einziger. Dies ist nur eine Facette dessen, was ich die zweite Schuld, die nach 1945/49, genannt habe – also die Verdrängung und Verleugnung der ersten unter Hitler. Und das nicht etwa bloß als rhetorische oder moralische Kategorie, sondern tief instituiert durch das, was ich den „Großen Frieden mit den Tätern“ genannt habe.
Das gilt übrigens auch für die DDR und ihre Dauer, obwohl es zahlreiche Einzelposten der bundesrepublikanischen Mängelliste gab, die auf diesen Staat, ein auf seine Art geprägtes Zwangssystem, nicht zutrafen. Ohne die Integrität vieler Nazigegner dort antasten zu wollen – ein von oben summarisch dekretierter Antifaschismus, der die DDR und Ihre Bevölkerung zu Mitsiegern des Zweiten Weltkrieges erklärte und sich selbst posthum zu einem Teil der Anti-Hitler-Koalition, basierte auf abenteuerlichen Lügen, die jede tiefergehende Massenauseinandersetzung mit der Nazivergangenheit von vornherein verbauten. Wer Menschenrechtsverletzungen anderswo anklagt, sie im eigenen Bereich aber entweder rechtfertigt oder leugnet, das heißt, hier verteidigt, was er dort bekämpft, entzieht sich jeder Voraussetzung für eine ehrliche Aufarbeitung. Ein Antifaschismus, der die Humanitas teilt, ist keiner. Die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hat gesamtdeutschen Charakter.
Dabei wird gegen die These von der „zweiten Schuld“ immer wieder eingewendet: „Aber was ist mit den NS- und KZ-Prozessen vor bundesdeutschen Schwurgerichten, was ist damit?“
Ja – was?
Ich habe sie von Anfang an, also seit 1958, begleitet, mit ihren Ausläufern bis in die Gegenwart – als Beobachter des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Berichterstatter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung, als Fernsehmann und politischer Publizist. Und in der Tat stehen wir vor einer gigantischen justiziellen Leistung – mit solchen Mammutverfahren wie dem Frankfurter Auschwitz- und dem Düsseldorfer Maidanekprozess. Nur – wer stellte den Hauptangeklagtentypus in diesen Verfahren, und das von vornherein und über die ganze Strecke bis in unsere Tage? Den Hauptangeklagtentypus stellten die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen- und Völkermords, die kleinen Angestellten des Verwaltungsmassakers, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie hätten „von nichts gewusst“, weil sie mit ihren Nagelstiefeln, ihren Knüppeln, ihren Pistolen gemordet hatten. Sie standen ganz zu Recht vor Gericht, diese Kleinen. Nur – wo waren die anderen, die Großen, die den Todesmühlen das Menschenmehl zugeliefert hatten? Die Planer, die Schreibtischtäter, die Köpfe der Mordzentrale Richssicherheitshauptamt, die doch nicht alle wie Himmler Selbsttötung begangen hatten? Wo die Wehrwirtschaftsführer, die Goldfasane der Nazipartei, die Chefs der Gestapoleitstellen, die hohen und pflichtschuldigen Militärs, ohne die Hitler ein Semikolon am Rande der austro-bajuwarischen Geschichte geblieben wäre.
Wo immer sie waren, die Hochtäter innerhalb der NS-Verantwortungshierarchie – vor den Schranken bundesdeutscher Schwurgerichte jedenfalls nicht. Selbst die obersten von ihnen nicht, die Organisatoren des Völkermords an Juden, Sinti, Roma und Slawen, die Bauherren von Auschwitz und der anderen Tötungsfabriken unter dem Dach des Vernichtungsmolochs Reichssicherheitshauptamt. Man mag es nicht glauben, aber auch sie kamen ebenfalls davon. Denn die Rechtsprechung hatte die KZ-Bestie, die Brüller, die Treter, die NS Sadomörder zum exemplarischen Angeklagtentypus erklärt. Und auch unter ihnen wurde nur nach Exzesstätern gefahndet – wer ohne persönliche Zutat den gewöhnlichen Gang der Opfer in die Gaskammer sicherte, dem passierte gar nichts, der fiel durch die Maschen der nie gesäuberten und in weiteren Teilen komplizenhaften bundesdeutschen Nachkriegsjustiz.
All das, um eine erste Bilanz zu ziehen, all das – eher „schlecht für Juden“.
Nun ist ja seither viel Zeit vergangen, sind neue Generationen da in der „Welt von heute“, mit einem andern Lebensgefühl, das sich in manchem wohltuend abhebt von der Ladestockmentalität einer meist autoritär erzogenen Eltern- oder Großelternschaft.
Auch erwies sich die zweite deutsche Demokratie, nach der ersten von Weimar, als durchaus stabil, um die Republik keineswegs arm an Politikern, über die wir nicht klagen können.
„Gut für Juden!“ denke ich, mit Ausrufe-, nicht mit Fragezeichen, wenn ich so höre, wie Hochrangige der Politik gegen den Antisemitismus wettern, den alten und den von heute im Jahre 2006. Wieder und wieder habe ich vernommen, was sie dazu zu sagen hatten, und konnte ihnen nur zustimmen, mehr, ihnen applaudieren, jedem ihrer Worte. Noch einmal: „Gut für Juden!“ dachte ich, mit Ausrufezeichen.
Es schien mir des Applauses fast schon zu viel. Und in der Tat – der Dämpfer kam umgehend.
Denn gleichzeitig mit solchen Bekundungen werden demoskopische Resultate bekannt, die eine ganz andere Gesinnung offenbarten, eine tiefe Kluft zwischen Politikerwort und öffentlicher Meinung aufrissen und als innerdeutsche Antwort auf die Frage „Gut für Juden, schlecht für Juden?“ nur entsetzen konnte. Will danach doch fast jeder fünfte Deutsche von heute, genauer 18 %, keinen jüdischen Nachbarn haben (natürlich ohne jemals einen gehabt zu haben – wie denn auch bei so ungleichen Größenverhältnissen wie einhunderttausend zu 80 Millionen?) An die 30 % gestanden ihre Anfälligkeit für Antisemitismus ein, und über 60 % erklärten den Nahostkonflikt zur größten Gefahr für den Weltfrieden – mit völlig einseitiger Schuldzuweisung an Israel.
Was Wunder, dass sich Ernüchterung einstellte. Bei allen Vorbehalten gegenüber demoskopischen Erhebungen ein exemplarischer Trend lässt sich hier nicht leugnen.
Der schreckliche „Scherz“: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“, ist eben keiner, sondern widerspiegelt eine weithin instituierte Befindlichkeit in Deutschland von heute, nicht pauschal, nicht kollektiv, nicht flächendeckend – und doch, nach allem „schlecht für Juden“.
Dazu kommen weitere Alarmzeichen.
Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik immer eine zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus, manchmal bekennend, manchmal kryptisch. Nie aber ist sie so offen hervorgetreten wie heute, nie hatte sie so viel Erfolg wie heute. Letzter Stand: Ihre Vertreter sitzen in den Landtagen von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch im Internet legt sich die extreme Rechte keinerlei taktische Zurückhaltungen mehr auf, sondern übernimmt ungeniert Sprachschablonen des Dritten Reiches, und zwar bis hinein ins Wortwörtliche. Ihr Credo:
„Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler!“
Unverblümt wird die Beseitigung des Rechtsstaates gefordert, bei gleichzeitig versierter Ausnutzung all seiner Mittel bei prozessualen Auseinandersetzungen. Ungehemmt wird von der „judäo-amerikanischen Weltverschwörung“ schwadroniert und Tag für Tag giftigster Antisemitismus verspritzt. Und das eigentlich Gefährlichste: manches davon korrespondiert bis hinein in die Mitte der Gesellschaft.
Da scheint sich in Deutschland etwas bisher eher Diffuses zu festigen, treten rechts außen nicht mehr politische und verbale Stotterer auf die öffentliche Bühne, sondern ideologisch gefestigte Unbelehrbare mit bürgerlichem Habitus und Bildungsniveau.
Sie setzen einen schon seit einiger Zeit wirksamen Perspektivwechsel fort, der sich auf Deutschland als das wahre Opfer der Geschichte zentriert, und damit die tatsächlich furchtbaren deutschen Opfer am Ende des von Hitler und seinen Anhängern ausgelösten Zweiten Weltkrieges aus dem historischen Zusammenhang reißen. Das Universum der deutschverursachten Opfer ist in diesen Kreisen ohnehin tabuisiert.
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