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Prof. Dr. Lars Clausen
Eingedenk alter Verbrechen
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Meine Damen und Herren –

eingedenk alter Verbrechen trifft sich heute hier, wenn die Bürgerstiftung "Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten“ zusammen gerufen hat, nicht ohne tätige Hilfe der HSH Nordbank und der – sagen wir es so – verglühenden Landeszentrale für Politische Bildung. Unmöglich also sind Sie bei einer solchen Mischung auf eine Predigt aus. War es ein wissenschaftlich fundierter Rat, den Sie durch die Beiladung eines Soziologen halb-und-halb erhofften? Jedenfalls hat die Aufgabe einen Avec, den Sie mir in Form eines geheimen Themas mit aufgetragen haben...

Als Péter Esterházy, der große ungarische Dichter, in Frankfurt just den Friedenspreis bekam, war er so keck, so ermutigend keck, von solcherlei Geheimverträgen zwischen Veranstaltern und Rednern zu sprechen. Er verriet sogar das unausgesprochen vereinbarte Thema seines eigenen Auftritts, das waren zwei Stichwörter. Es nannte die beiden auch. Bei ihm waren das "Krawatte“ und "Keule“. Erstens ein Festveranstaltungs-Markenzeichen also – würde er ‚als Dichter‘ wenigstens bei der Verleihung des Friedenspreises einen Schlips angelegt haben? Und als Zweitthema dann jenes in der Paulskirche voran gegangene, seit Jahren unerbittliche Genörgel eines ganz bestimmten Dichter-Vorredners, Martin Walsers: Man drohe ihm in Naziverbrechen-Zusammenhängen dauernd mit einer "Moralkeule“, überdrüssig sei er dessen, und er fühle sich nunmehr weit genug, sowohl sein politisches Fähnchen nicht mehr in den Wind zu hängen als auch das Markenzeichen "Keule“ für diesen seinen Unwillen gleich am Meinungsmarkt zu lancieren.

Ganz egal, wie mein zweites Stichwort heißen wird, die erste Hälfte des Themas ist bereits erledigt.

Wir wissen diffus, wovon heute die Rede ist: Wir träfen uns hier gar nicht, hätten wir uns nicht diesen Buß- und Bettag des Bösen zu erinnern. Kann man das überhaupt? Unser Leben hat uns gelehrt: nicht leicht.

Eingedenk sein also, alter Verbrechen. Hier jetzt in Kiel, Schleswig-Holstein. Derjenigen Verbrechen, die eine über alle deutschen Grenzen hinausgetriebenen Verruchtheit beging, bis denn 1945 die letzte Reichsregierung hier in der Nähe, in Flensburg-Mürwik, dann doch – in Abwesenheit eines Reichskanzlers – beschloss zu kapitulieren. Genau diejenige "Kapitulation nach einem Weltkrieg", die Hitler – denn die 1918er Niederlage der Mittelmächte hatte er sich zu seinem höchst-eigenen Trauma, zu seinem allermächtigenden Novembertrauma hin dämonisiert – die "der Führer“ also durch Spitzenuntaten über alle deutsche Kraft hinaus erschwert hatte, kraft organisierter und mehr noch kraft verlässlich freiwilliger vielfach-deutscher Komplizenschaft mit ebendiesen Untaten. Jährlich sogar feierte er sein Trauma vom 9.November 1918 und zwei Mal ausgiebig: Hitlerputsch 1923, Kristallnacht 1938. Er.

Er allein? Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Der ihm gefolgt war? Unter Inkaufnahme von jederlei Schandtaten war Hitler doch als der Duce, (aber ebennicht so schlapp-italienisch, sondern) als der stahlharte großdeutsche "Führer“ ersehnt worden, heraus gewittert, gewählt, war ihm Treue geschworen und Treue gehalten worden. Hinterher allerdings duckten sich seine Getreuen, und hinterher, da "ist dann Vati auch so ganz anders zurück gekommen“. Und nun, 2004, ist Vati fort. Also Gedenkstätten?

Was kann ich Ihnen zur Schwere, zur Ferne, zur Warnung noch sagen, was Sie selber nicht schon kopfschüttelnd zu Ende überlegt hätten? Was denn gar Neues? Neues doch allenfalls nur Denen, die halb zögernd hier sind. Ich zögere selber.

  • Was bereits unterscheidet das Gedenken, um dessentwillen wir uns hier und heute treffen, von den Gedenkstätten, um derentwillen wir uns gesgleichen jetzt treffen? Was kann bewirken, dass eine Gedenkstätte Mehr ist als stummer Stein? Mehr ist als – mit Jan Philipp Reemtsma – eine Asservatenkammer verschallender Verbrechen?
  • Und wenn es denn mehr sei, was hülfe, wenn wir im Jahr 2004 so ferner Untaten eingedenk blieben? Liegt uns denn da gar nichts näher?
  • Und um Verbrechen von 2004 als solche zu erkennen, vor ihnen zu warnen, bedürfte es doch wohl dieses ganzen Umweges nicht?

Warum war ich. ein Sprössling der 1930er Jahre, vor wenig Wochen bereit, mit den zögernd Schulterhebenden unter Ihnen diesen Umweg zu gehen? Zusammen womöglich auch mit 16-jährigen? Zusammen freilich auch mit den Wackeren, die festen Willens uns heute haben zusammen rufen wollen, die es sind, denen es zu danken ist, dass wir uns zusammen finden – ? Damit wir einander unterstützen, damit wir uns an etwas fest halten können, das – selbst ihnen? – entgleiten könnte? So ist es doch auch dann, wenn man ein Mal gemeinsam seine eigenen Familiengräber besucht.

Denkmale stehen auch auf einem solchen Familien- oder Freundesgrab. Sucht man seinen Weg durch die Friedhöfe, staffeln sich rings Steine und Steine.

Man geht zu selten hin. (Geht man aber oft, so ist es ein Zeichen der Vereinsamung.) Am besten verabredet man sich mit Jemanden aus der Familie, aus dem Freundeskreis. Das hilft, so dass wir uns vorm allmählichen Schwinden unserer Trauer nicht mehr so alleingelassen graulen müssen. Man trifft einander, unter ernsten Reminiszenzen erreicht man das Grabmal. Nach einer Weile prüft man schärfer: Ist es noch in Ordnung? Heil? Und wie es so da steht und so beschriftet ist, überzeugts mich immer noch, oder ist da was hohl? (So wird uns der Unterschied zwischen hartem Gedenken und morschendem Granit deutlich.) Nun gehen wir weg. Unbestimmt erleichtert setzt man sich dann aber doch noch zusammen, trinkt und isst und lässt redend gemischte Erinnerungen an vormalige Nicht­leich­name zu.

Nicht alle Erinnerungen: Auch Familien haben gerne Skelette im Schrank, die ehedem kleinen Mädchen wissen das noch gut.

Gut für uns, dass wir den Toten, dessen Mal wir eben besucht haben, nicht geradezu selber umgebracht haben. Oder doch, im Herzen? Im Zweifel hilft Friedrich Nietzsche: "Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“

Und gibt es uns keine solche Grabstätte, liegt das Grab in den Lüften, so ziehen wir vielleicht beim Sinnieren so etwas wie Rauch ein. Ganz wohl war uns nie. Jetzt grad mahnt der Kalender im trüben Monat November, wir gehen hin zu irgend einem Mal.

Und wenn es nun um Totferne geht? Sechzig Jahre sind die Grausamkeiten her. Nicht wir haben sie beerdigt, sie sind in den Lüften verrottet. Was soll man da? Andere als wir haben ihnen das Mal gesetzt. Zwar trifft man die hier und heute, zuweilen noch. Aber wer da wer ist, das sieht man einander gar nicht leicht an. Was sollst du da?

Sie haben einen Soziologen geholt, so billigen Sie doch, bitte, wenn er über das soziale ‚Verarbeiten‘ des Grausamen spricht, wenn er da um Rat nachsucht, wo gesellschaftlich Grausames oder doch nicht-hin-zu-Nehmendes wenngleich hin-Genommenes immer wieder sozial beantwortet wird.

Nicht Hinzunehmendes Hingenommenes, was ist das?

Datt is de Doot, de aalens fritt.

Er frisst uns alle weg, er frisst sogar die Besten. Kannten wir sie so, als die Besten – dann verwindet es sich nie. Aber, wollen wir denn anderen Sinnes zu einer Gedenkstätte gehen, als eingedenk dessen, dass wir zu unseren Besten gehen? Und wir haben schon wieder zu lange gezögert. In den "Frühen Gräbern“ von Friedrich Gottlieb Klopstock lasen wir es schon:

„Ihr Edleren, ach, es bewächst

Eure Male schon ernstes Moos!

O, wie war glücklich ich, als ich noch mit euch

Sahe sich röthen den Tag, schimmern die Nacht!“

Selber zu Stelle sein. Dass Klopstock hier zum "Moos“ das Wort „ernst“ eingefallen ist, dazu bedurfte es der eigenäugigen Nachschau, und auch dazu, dass die Nacht uns zu "schimmern“ vermag. Und zwei kurze, bildmächtige Strophen gehen diesen vier Zeilen voraus, Sie hatten sie eben schon vermisst, Sie erinnern sich vielleicht an deren Anfang: "Willkommen, o silberner Mond, | schöner, stiller Gefährt’ der Nacht!“ Klopstock fängt mit dem abnehmenden Halbmond an und braucht einen ganzen Weg über zwei Strophen weg, bis er bei den frühen Gräbern angekommen ist. Vielleicht sollte sich unser Gedenken weitläufiger orientieren?

Schwerer als die edlen fallen einem die gleichgültigen Toten.

Ja, ein guter Katholik mag durch "Allerseelen“ trainiert sein, auch jener allzu Fernen pietätvoll zu denken. Das fällt allerdings in Gesellschaften immer schwerer, die eine immer höhere Lebenserwartung haben, mittlerweile so hoch, dass es den heutzutag Nachgeborenen für lange Lebensjahre völlig unnormal scheint, dass Gleichaltrige überhaupt sterben, geschweige denn dass man selber sterben werde. Es wirkt wie völlig fehl am Platze, wenn da dennoch gestorben wird, wenn Aids in der Schulklasse auftritt, wenn der 18-jährige Freund seine allererste Motorradfahrt in der Kurve gegen die Birke setzt, wenn ein Zinksarg aus Zentralasien einfliegt.



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